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Forschungsrückstand in der Bauwirtschaft
Geförderte kooperative Forschung setzt neue Impulse
IT-Themen wie BIM und Automatisierung bekommen zwar reichlich mediale Aufmerksamkeit, sind jedoch als Forschungsthema noch nicht besonders gefragt. Wichtigstes Thema ist die Nutzer-Behaglichkeit, wie die Expertenbefragung Zukunft Bauen ziemlich überraschend feststellt. Klar bestätigt wird hingegen der Wunsch nach kooperativer Forschung.

Die Forschungsquote steigt in Österreich seit Jahren und liegt bereits über dem EU-Zielwert von 3 Prozent des BIP. Die steigende Tendenz zeigt sich auch in der Bauwirtschaft, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Die Baubranche forscht deutlich weniger als andere Branchen und lässt so Potenziale brachliegen. Die vielfältigen Gründe dafür sind bekannt. Unter anderem fehlt das Wissen über Fördermöglichkeiten und Erfahrung mit der Abwicklung geförderter Projekte. Im Rahmen der Brancheninitiative BRA.IN Bauforschung 20201) wollen FFG und Bundesinnung Bau den Einstieg mit einem gebündelten Förderangebot, Informationsveranstaltungen und Beratungen erleichtern.

Zukünftige Herausforderungen für die Baubranche sind Dauerthema in der Expertenbefragung Zukunft Bauen. 2017 wurde Bauforschung als Weg zu deren Bewältigung ausführlich abgefragt: Welche Rahmenbedingungen sind für die Baubranche förderlich oder hinderlich, zu welchen Themen möchten die Expertinnen und Experten mehr wissen, und vor allem: wer sind die Akteure in der Forschung?

Wer soll forschen?

Zielgruppe der Brancheninitiative sind die Unternehmen der Bauwirtschaft – Bauhauptgewerbe, Bauindustrie, Baunebengewerbe, Installation, Bauprodukte, Bausoftware, Baumaschinen und Bauchemie. Rund 33.500 Unternehmen umfasst die Baubranche im engeren Sinn, dazu kommen rund 60.500 branchennahe Unternehmen. Daher stehen auch Kooperationen im Fokus, weil viele Prozesse betriebsübergreifend sind. Diese Vorgabe bestätigen die Befragten in der Zukunft Bauen klar. Sie sehen die Unternehmen in aktiver Rolle und in gemeinsamen Projekten.

Präferiert wird die Kooperation mit Universität, Fachhochschule oder Forschungsinstitut gleichauf mit Forschung solcher Institutionen alleine. Unternehmenskooperationen liegen aber auch ohne Wissenschaftspartner klar vor Alleingängen einzelner Unternehmen.

Anmerkung: Antwortmöglichkeiten sind immer Noten von 1 bis 5, die Ergebnisse sind nach Durchschnittsnoten gereiht und als Balkendiagramm in erweiterten Ampelfarben dargestellt.

Themen für die Bauforschung

Die Potenzialanalyse Bauwirtschaft Bauforschung 20203) der KMU Forschung Austria im Auftrag der Bundesinnung Bau präsentiert einen umfassenden Katalog von Forschungsfeldern als Grundlage für BRA.IN Bauforschung 2020. stellt fest: Sinkende Ausgaben der öffentlichen Hand, eine zunehmende Kluft zwischen oberen und unteren Segmenten am Wohnungsmarkt, die sehr kostenintensive Normenflut, das Bevölkerungswachstum bei anhaltender Knappheit von Bauland, die Veränderung von Haushaltsgrößen und -typen sowie steigende Wohnkosten bei (bestenfalls) stagnierenden Einkommen sind nur einige Beispiele für nicht gerade erfolgsgarantierende Rahmenbedingungen. Besonderen Bedarf sieht Bornett bei jenen Innovationen, die gleichzeitig qualitätssteigernd und kostensparend wirken. 

Welche Themen wären für die zukünftige Entwicklung (Ihres Unternehmens) besonders nützlich und daher wichtig? wurde heuer anhand von 19 Antwortmöglichkeiten in folgenden fünf Gruppen gefragt: A. Material und Konstruktionen, B. Innenraum und Wohnen, C. Organisation und Prozesse, D. Ressourcen und Energie, und E. Immobilien, Wohnraum und Citys. Dafür gab es Noten zwischen 1,78 und 2,67. Diese enge Bandbreite zeigt, dass alle Themen wichtig sind. 

Die wichtigsten Forschungsbereiche sind Material und Konstruktionen, Ressourcen und Energie sowie Innenraum und Wohnen. Jeweils etwas abgesetzt folgen Immobilien, Wohnraum, Stadt sowie Organisation und Prozesse. Dieser letzte Platz erstaunt, weil der arbeitsteilige Bau-Prozess durchaus verbesserungswürdig und -fähig wäre. 

Ebenso überraschen bei den Einzelthemen sowohl die Spitze als auch das Ende: Nutzer-Komfort / Behaglichkeit führt‚ Digitalisierung, Elektronik, IKT belegt den letzten Platz, obwohl sie ebenso intensiv diskutiert wird wie der Wohnkomfort. (Sommerliche Überhitzung wird auch 2017 wieder als wichtigste Zukünftige Herausforderung für die Baubranche bewertet.). Knapp hinter der Spitze folgen Bauphysikalische Optimierung und Energie- und Umwelttechnik, Bauteil- und Baustoffinnovationen sowie – mit der Note 1,89 unerwartet – Lebenszyklusbetrachtung.

Obwohl der Fachkräftemangel gerade in der Baubranche ein akutes Problem ist, werden Humanressourcen – und andere Themen aus den Bereich Organisation und Prozesse – ans Ende gereiht. Die Lösung dafür wird nicht aus der Forschung erwartet, sondern erfordert verstärkte Aus- und Weiterbildung, wie die Antworten zur nächsten Frage bestätigen. 

Förderliche und hinderliche Rahmenbedingungen für die Baubranche 

Die Studie Reinventing construction: A route to higher productivity4) des McKinsey Global Institute vom Feber 2017 stellt Handlungsbedarf im Bausektor fest. Die Produktivität in der Baubranche ist weltweit seit Jahrzehnten gering, in Österreich und weltweit. Die Autoren haben dafür 10 tiefere Ursachen (root causes) gefunden:

  • Steigende Komplexität in Projekten und Lagen 
  • Extensive Regulierung
  • Fragmentierung des Baulands
  • zyklische Natur öffentlicher Investitionen [Anmerkung: Statt antizyklisch zum Konjunkturverlauf]
  • Formlosigkeit / -widrigkeit und potenzielle Korruption verzerren den Markt
  • Bauwesen ist undurchsichtig und stark fragmentiert
  • Vertragsstrukturen und Anreize sind falsch ausgerichtet
  • Enge / strenge oder suboptimale Eigentümeranforderungen
  • Gestaltungsprozesse und Investments sind ungeeignet / unzureichend / mangelhaft
  • Unzureichende(s) Projektmanagement und Grundkenntnis der Ausführung
  • Unzureichend ausgebildete Arbeitskräfte in Ausführung und Leitung / Kontrolle
  • Zu geringes Investment in Digitalisierung, Innovation und Kapital 

In der heimischen Expertenbefragung wurde eine Liste mit 14 Faktoren vorgelegt.  Davon erscheinen vier eher förderlich, die übrigen 10 eher bis sehr hinderlich. Die Durchschnittsnoten zeigen eine große Spannweite: Von 2,28 für Weiterbildung von qualifizierten Mitarbeiter/inne/n – zwei von drei Befragten finden sie förderlich – bis 3,99 für Komplexität von Baustandards, „Normenflut“ (nationale und internationale Normen, Gesetze, Richtlinien, etc.), die als ziemlich hinderlich erlebt wird.

Ebenfalls förderlich ist die Steigende Nachfrageentwicklung generell, und besonders durch die Veränderung von Haushaltsgrößen und Haushaltstypen. Besonders hinderlich neben der Normenflut sind Sinkende Ausgaben der öffentlichen Hand, Sinkende Kaufkraft der Bevölkerung und Knappheit / Verteuerung von Bauland.

Leistbarkeit, Innovationen und Qualitätsansprüche 

Diese drei Themen beschäftigen die Branche anhaltend. Bereits 2016 hat die Expertenbefragung Zukunft Bauen ergeben, dass Leistbarkeit und Energieeffizienz gleichermaßen anzustreben sind. Diesmal wurden drei Sätze formuliert, um weitere Aspekte herauszuarbeiten.

Die Befragten bestätigen mit großer Mehrheit die ersten beiden Statements:
es (ist) von zentraler Bedeutung, dass rasch leistbarer Wohnraum in der erforderlichen Menge geschaffen wird und
Technische und wirtschaftliche Innovationen sind wichtig, mit denen Ressourcen und Kosten optimiert werden können
Hingegen wird die Aussage
Qualitätsansprüche über die Standards hinaus bringen Verteuerung und/oder Verzögerung mit sich und sind daher zurückzustellen 
mit Note 3,05 offenbar neutral bewertet. Diese Durchschnittsnote steht jedoch für eine starke Polarisierung: Nur 16,4 Prozent antworten wirklich neutral! 40 Prozent stimmen vollständig/größtenteils zu, 43,6 Prozent stimmen eher/gar nicht zu, wollen also die Qualitätsansprüche hochhalten.

 Zusatzauswertungen machen deutlich, woher diese unterschiedlichen Antworten kommen. Am größten ist die Spannweite zwischen „holzaktiven“ – Jene, die sagen Ich bin selbst Teil der Holzbaubranche / plane oder baue mit Holz / bin deren Kunde – und nicht „holzaktiven“. „Holzaktive“ befürworten höhere Qualitätsansprüche, nicht „holzaktive“ meinen eher, dass Qualitätsansprüche über die Standards hinaus zurückzustellen sind - die Differenz ist fast eine ganze Note (∆ = 0,94). Deutlich geringer ist der Unterschied zwischen klimaaktiv-Partnerinnen / Partnern und Nicht-Partnern (∆ = 0,31). Umgekehrt ist das Verhältnis zwischen Baugewerbe / -industrie und dem Rest der Befragten: Erstere meinen mit Note 2,66 mehrheitlich, dass die Qualitätsansprüche der Standards ausreichen, Letztere mit Note 3,20 mehrheitlich nicht (∆ = 0,54).

Ergebnisse wie bei dieser Frage sind charakteristisch für die Zukunft Bauen: Über die Jahre zeigt sich, dass viele Themen von allen Befragten weitgehend gleich eingeschätzt werden, bei bestimmten Fragen jedoch scheiden sich die Geister.“ So etwa bei Optimierung der Raumnutzung mit IT-Unterstützung, z.B. MoreSpace Optimierungs-Software. Hier geht es um Green Occupancy als logische Fortsetzung von Green Building. Das Ziel ist umfassende Nachhaltigkeit nach dem Grundsatz: Eine Immobilie ist ökonomisch und ökologisch umso sinnvoller, je intensiver sie genutzt wird – immer mit Berücksichtigung der Bedürfnisse der Benutzer/innen.

Optimierung der Raumnutzung … bekommt immer Noten um 3, zuletzt 3,06, und auch hier bedeutet diese Bewertung nicht "neutral".  2017 finden 30,7 Prozent das Thema weniger wichtig/unwichtig (Note 4/5), für 29,4 Prozent ist es hingegen bereits sehr wichtig/wichtig (Note 1/2), die neutrale Antwort 3 wählen 39,9 Prozent. In der Immobilienbranche wächst das Interesse an der Thematik. Daher entwickelt Dietmar Wiegand5), Professor am Fachbereich Projektentwicklung und Projektmanagement der TU Wien im Rahmen der Allianz professioneller Immobilienentwickler und -manager (APRE) Forschungsprojekte zur Vorbereitung einer flächendeckenden Anwendung.

Lasst uns forschen!

Initiatoren der Brancheninitiative Bauforschung 2020 sind Bundesinnung Bau und Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG1). Der Kick-off zur Brancheninitiative erfolgte am 13.1.2017 in Salzburg. FFG-Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner dazu: Wir haben die Brancheninitiative Bauforschung gestartet, damit sich die heimischen Betriebe mit innovativen Produkten und Dienstleistungen noch besser am Markt behaupten können. Die Initiative wird auch vom BMVIT und dem BMWFW unterstützt.

Das wichtigste Ergebnis neben dem Ranking der Themen ist die Einschätzung der Akteure in der Forschung. Jeweils mehr als drei Viertel der Befragten sehen Kooperationen von Unternehmen – mit oder ohne Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstituten – als besonders gut geeignete Strukturen. Das ist ganz im Sinne der Initiatoren, die mit der Brancheninitiative BRA.IN die Forschungsquote heben und die Forschungsaktivitäten in der Bauwirtschaft deutlich anzukurbeln wollen. Eine Wirkung sollte möglichst bald auch in der Förderstatistik der FFG ablesbar sein.

Weiterführende Information

1)  Brancheninitiative Bauforschung 2020 von BIB und FFG
https://www.wko.at/branchen/gewerbe-handwerk/bau/sonderausgabe-bauzeitung-2017-1.pdf
https://www.wko.at/site/kampagnen/KC_Bauforschung/Bauforschung-2020.html
https://www.ffg.at/kickoffbauforschung2020
https://www.ffg.at/presse/ffg-und-bundesinnung-bau-starten-brancheninitiative-bauforschung
2)  Expertenbefragung Zukunft Bauen 
http://www.expertenbefragung.com/index.php/zukunft-bauen/zukunft-bauen-2017
3)  Potenzialanalyse Bauwirtschaft „Bauforschung 2020"
https://www.wko.at/site/kampagnen/KC_Bauforschung/Brancheninitiative-Bauforschung--2020.html
http://www.kmuforschung.ac.at/index.php/de/38-allg/62-dr-walter-bornett 
4)  McKinsey Global Institute
https://www.mckinsey.com/industries/capital-projects-and-infrastructure/our-insights/reinventing-construction-through-a-productivity-revolution
5)  Fachbereich Projektentwicklung und Projektmanagement an der TU Wien
http://red.tuwien.ac.at/
Allianz professioneller Immobilienentwickler und -manager (APRE)
http://apre.at/
6)  KBF Kompetenzzentrum Bauforschung GmbH
https://www.wko.at/site/kampagnen/KC_Bauforschung/start.html
Rückfragehinweis zur Brancheninitiative „BRA.IN Bauforschung 2020“
Mag. Alexander Kosz, Tel. 05 7755 6012 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.ffg.at 
DI Robert Rosenberger Tel. 05 90900 5216 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.bau.or.at  www.forschung.bau.or.at  
 

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